Warum es so schwer ist, meiner Omi von meiner Kündigung zu erzählen

Omi
Meine Großeltern sind für mich das größte.

Auf sie ist immer Verlass. Wenn es mir schlecht geht, ermutigt mich die weiche Stimme meiner Omi am anderen Ende der Leitung. Wir haben ein super Verhältnis und regelmäßigen Kontakt.

Meine Großeltern versuchen sich so viel wie möglich mit den Gedanken meiner Generation zu befassen, was nicht immer leicht ist, denn: Die Welt in der sie aufgewachsen sind und leben, ist eine ganz andere.

Es gibt ein Thema, dass ich in letzter Zeit bewusst meide, weil es jeden Abend um seine Gemütlichkeit bringt…

Es geht um meine berufliche Zukunft. Umso heikler gestaltet sich die Aufgabe von meiner Kündigungzu berichten, die ich aus folgenden Gründen erfolgreich vor mir herschiebe:

 

1. Omi & Opi verstehen nicht, dass man nicht studieren muss um etwas zu erreichen.

Wann ich denn endlich  mit dem Master anfange, werde ich häufig gefragt.

Mein Opi erzählt dann immer in einem sehr bestimmten Ton, dass die Ausbildung das wichtigste ist, um in einem „Betrieb“ – wie es wohl alle Opis nennen – eine gute Stelle zu bekommen.

Studieren ist für mich aktuell aber einfach nicht attraktiv. Wieder in der Uni sitzen und Stoff in sich reinhämmern ohne tatsächlich etwas zu kreieren?

Sommerwochenenden in der Bib verbringen? Monatelang an einer Master Thesis schreiben?

Finanziell abhängig sein?

Oder dual studieren und kein Leben haben?

Ich bin extrem wissensdurstig und liebes es, mich in bestimmten Themengebieten weiterzubilden.Ich glaube aber nicht, dass die Uni für mich der richtige Ort dazu ist.

In meinem Studium habe ich viele Praktika gemacht und auch schließlich meinen Vollzeitjob angefangen.

Erst so habe ich gelernt, wie die Welt da draußen funktioniert, was ich gerne mache und wie der „Traumjob“, auf den ich immer hingearbeitet habe, in Wahrheit aussieht.

Dort saß ich neben BWL-Absolventen, die genau wie ich erst alles lernen mussten, weil ihr Elite-Studium eben doch sehr theoretisch war.

Ich bin der Meinung, dass man Dinge am besten lernt, wenn man sie einfach tut und sich durchbeißt.

Wenn man nicht gerade Arzt oder Ingenieur werden will, gibt es nichts, das man nicht durch Googlen und Networking herausbekommt.

 

2. Sie verstehen meine tiefe Sehnsucht nach Freizeit und Freiheit nicht.

Als ich meinen ersten (und bisher letzten) 40-Stunden-Job begann, habe ich meine Omi oft gefragt: „Omi, ich verstehe das nicht, wie machen das all die Menschen?

Ich weiß nicht mal wann ich zum Zahnarzt gehen soll. Wie machen das Menschen, die Kinder haben?

Die jeden Tag noch 3 Stunden pendeln? Wann gehen die einkaufen? Haben die Hobbies? Wann machen diese Menschen Urlaub?

Und wie halten sie es mit so wenigen Urlaubstagen aus? Ein Leben lang…

Omi wie machen die das? Das ist so viel Lebenszeit, die wir nur auf der Arbeit verbringen! Ich will so nicht leben (…).“

Meine Omi war lieb, versuchte mir aber gleichzeitig zu vermitteln, dass ich daran nicht viel ändern könnte.

Dann erzählte sie mir von der 48-Stunden-Woche, die erst später eine 40-Stunden-Woche wurde (man stelle sich den Luxus vor!) und wie sie und Opi es trotzdem geschafft haben sich um meine Mutter zu kümmern.

„Das Wort Stress gab es bei uns gar nicht und deswegen hatten wir auch keinen“, hat meine Omi neulich gesagt.

Sie sprach davon, dass es früher sowieso nicht viele Möglichkeiten gab.

Mal eben ein paar  Monate um die Welt tingeln? Undenkbar für meine Großeltern. Sie haben sich nie danach gesehnt, weil es für sie nie im Bereich des Möglichen lag.

Wahrscheinlich fängt man erst an Dinge zu vermissen, die zumindest schonmal greifbar waren.

Eine 40-Stunden-Woche hat noch nie zu meinem Alltag gehört. Im Studium hatten wir alle Freiheiten und Abwechslung.

Hier und da mal ein Seminar, keine Vorlesung vor 12, nachmittags zum Sport, freitags grundsätzlich frei, ein bisschen Backpacking in den Semesterferien, Bafög läuft…

Erst werden wir mit diesem Luxus angefixt und plötzlich sollen wir 40 Stunden im Büro sitzen? Was ich nicht verstehe: Warum drehen all die anderen Leute, die von der Uni kommen, nicht durch?

 

3. Sie verstehen nicht, dass ich weder nach Karriere noch nach einem sicheren Job strebe.

Aber zurück zum Thema: Würde ich meiner Omi von meiner Kündigung erzählen, hätte sie Angst um meine Existenz.

Wie ich es mal zu etwas bringen sollte, würde sie sich fragen. Wie ich mal einen sicheren Job in einer verantwortungsvollen Position bekommen würde.

Ein sicherer Job? Heißt das, dass ich über Jahrzehnte in der selben Firma meine Brötchen verdienen werde? Klingt wie eine Drohung.

Verantwortungsvolle Position? Bedeutet das 60-Stunden-Wochen zu schieben und nachts nicht schlafen zu können, weil man so dermaßen viel Verantwortung hat?

Für kein Geld der Welt würde ich so leben wollen. Es sei denn, ich tue es für mein eigenes Projekt, das mir am Herzen liegt.

Und welcher Job ist heutzutage schon sicher?

 

4. Sie verstehen das Internet nicht.

Ja, es gibt coole Omis, die Computerkurse belegen und online shoppen. Meine gehört nicht dazu und findet immer neue Ausreden.

Deswegen hat sie auch lange Zeit meinen Job in einem Internet-Startup nicht verstanden (anders als den Job meines Bruders, der Niederlassungsleiter einer Gebäudetechnikfirma ist).

„Irgendwann suchst du dir bestimmt nochmal was richtiges“ hieß es immer. Autsch.

Ich habe natürlich schon versucht ihr zu erklären, welche Möglichkeiten das Internet heutzutage bietet, gerade für Querdenker und Fernwehsüchtige wie mich.

Sie versucht ihr bestes, aber dennoch ist es nicht wirklich greifbar für sie.

 

5. Die Sache mit der Anerkennung

Aber kommen wir zum eigentlichen Grund, weshalb es mir so schwer fällt, meiner Omi von meiner Kündiung zu berichten: Unser aller Wunsch nach Anerkennung und Bestätigung.

Man zieht sein Ding durch, und man findet es richtig, man geht nach seinem Bauchgefühl, man hat Vertrauen in sich, man wägt ab und überlegt, informiert sich, man trifft bewusste Entscheidungen und fühlt sich wohl so in seiner Haut.

Aber ob wir es wahr haben wollen oder nicht, fehlende Anerkennung durch unsere Eltern (oder in meinem Fall der Großeltern) trifft uns einfach immer.

Wir wünschen uns es wäre uns egal, aber das wird es niemals sein. Wir sehnen uns nach einem Schulterklopfen, danach, dass einfach jemand stolz auf uns ist.

Und genau deswegen ist es so schwer meiner Omi von meiner Kündigung zu erzählen: Ohne es böse zu meinen, würde sie vielleicht all meine Pläne klein machen und in Frage stellen.

Oder mich sogar bemitleiden.

 

Ich wäre entmutigt (obwohl ich doch grundsätzlich an mich und meine Ideen glaube).

Naja, Omi, irgendwann wirst du es schon merken, dass ich gekündigt habe. Vielleicht daran, dass ich ausgeglichener und glücklicher bin, und du mir nicht mehr sagen kannst „Sophie, du siehst so schmal und müde aus, du musst richtig essen!“

 

Update:

Ich habe all meinen Mut zusammengenommen und meine Omi angerufen. Man darf die Omis nicht immer unterschätzen.

Sie war wie immer sehr verständnisvoll (wenn auch geschockt).  Allerdings hatte sie noch den ganzen Abend damit zu kämpfen meinen Opi zu beschwichtigen.

Wie sieht es bei dir und deiner Familie aus? Kommt dir das Dilemma aus meinem Artikel bekannt vor? Stoßen deine Gedanken auf Unverständnis oder gibt es sogar überraschend positive Reaktionen? Ich bin gespannt auf deinen Kommentar :)

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