Meine Erfahrung mit Tinder in Tansania

 

Es ist mein zweiter Abend zurück in Tansania und ich sitze mit meiner Freundin Michelle und meinem Besuch aus Deutschland in einer Cocktailbar am Strand. Kein Gesprächsthema verbindet drei Single-Ladies trotz sprachlicher und kultureller Unterschiede wohl so gut wie Männergeschichten.

Michelle erzählt, sie benutze da gerade so eine App um neue Männer kennenzulernen. Kichernd berichten Lulu und ich von unseren Erfahrungen aus Berlin. Und dann wird auch schon zusammen gestöbert. Swipe left, swipe right…

In Berlin gehörte ich immer zu den Mädels, die gerade in einer Beziehung waren und ihre Single-Freundinnen darum anflehte, auch mal in ihrem Tinder-Account stöbern zu dürfen. Einfach um zu schauen, ‚was es so gibt’.

Weniger aus der Not als aus Langeweile und Neugier lud ich die App herunter, als ich wieder Single war. Es folgten vier Tinder-Dates in Berlin, die alle irgendwie ‚ganz nett’ aber auch nicht wirklich etwas Besonderes waren. Es blieb bei ein paar Bier oder Kaffee (und das war auch gut so).

Als ich nach Tansania aufbrach, um mich selbstständig zu machen, habe ich dann gedacht: ich kann die App ja auch zum Networking nutzen. Bei meiner Ankunft in Dar es Salaam hatte ich zwar viele Ideen im Gepäck und die entsprechenden Vorbereitungen getroffen, aber noch keinen einzigen festen Auftrag.

Neben dem Netzwerken auf Events und in den Social Media dachte ich, gibt es doch sicher den ein oder anderen guten Kontakt auf Tinder (klingt ziemlich berechnend, aber hey, andere Menschen nutzen die App, weil sie sich davon schnellen und unverpflichtenden Sex versprechen).

In Dar es Salaam findet man auf Tinder viele verschiedene Typen: Expats aus Europa oder den Staaten, die hier leben und arbeiten. Backpacker, die gerade auf der Durchreise sind. Piloten und Cabin Crews von diversen Airlines, die nur eine Nacht in Dar es Salaam verbringen bevor sie wieder zurückfliegen. Und natürlich auch viele Tansanier, nicht wenige von ihnen sehr international unterwegs und aus der tansanischen Mittel- bis Oberschicht. Um Weihnachten herum waren es besonders viele Tansanier, die im Ausland studieren oder arbeiten und für en Jahreswechsel nach Hause kamen. Ich würde sagen die Waage zwischen Tansaniern und Nicht-Tansaniern hält sich bei 50/50.

Bis jetzt war das Tindern tatsächlich sehr interessant. Ich bin richtig  Fan geworden und kann es nur jeden empfehlen, der sich in einer neuen Stadt einleben möchte. Hier meine erwähnenswerten Tinder-Bekanntschaften, der Reihenfolge nach:

 

Nummer 1

Da wir beide Fotografen und in diversen Fotografie-Gruppen aktiv sind, haben Nummer 1 und ich ziemlich viele gemeinsame (Fotografen!)-freunde. Wir waren auch vorher schon auf facebook befreundet und kannten unsere Arbeiten, hatten uns aber noch nie getroffen.

Als ich mein Foto-Business hier aufgebaut habe, habe ich von Nummer 1 ziemlich viele nützliche Informationen bekommen. Zum Beispiel wie viel ich pro Stunde verlangen kann, wie viel andere verlangen, welches Equipment ich mir noch zulegen sollte usw.

Es hat eine ganze Weile gedauert bis wir uns getroffen haben. Wir haben uns aber auf Anhieb gut verstanden, haben im Kino einen ziemlich guten tansanischen Film geguckt, über den wir uns noch ewig unterhalten haben und sind mittlerweile Workout-Buddies. Wir haben eine feste Strecke rund um die Peninsula, die wir gemeinsam abradeln. Da fällt mir ein, ich müsste mal wieder trainieren…

 

Nummer 2

Mit Nummer 2 hatte ich eigentlich nie ein Date. Wir sind uns dann mal zufällig in einem Club über den Weg gelaufen. Er hatte meine Nummer an seinen Bruder weitergegeben, der Fashionblogger ist und meinte, er wäre sehr an einer Zusammenarbeit mit mir als Fotografin interessiert.

Die beiden sind Tansanier, sind aber in Südafrika und Großbritannien aufgewachsen. Neulich habe ich als Fotografin ein kleines Event gecovert, dass sie organisiert haben. Letzte Woche haben sie mir mitgeteilt, dass ich das Event jetzt regelmäßig (mit Bezahlung) fotografieren darf. Business, Baby!

 

Nummer 3

Ich glaube die Geschichte von Nummer 3 und mir gefällt mir am besten. Nummer 3 kommt eigentlich aus Uganda und arbeitet bei Clouds TV hier in Dar es Salaam. Wir hatten geschrieben und auch mal telefoniert, und obwohl er mir sehr sympathisch war, war ich nie so richtig in der Stimmung für ein Treffen.

Als ich über Weihnachten ein Haus von Freunden in Masaki sittete, wurde plötzlich das Wasser abgedreht und am selben Tag fiel auch der Strom aus – und das bei brütender Hitze. Ich musste von zu Hause aus arbeiten, und als Nummer 3 mich fragte, wie es mir so geht, klagte ich mein Leid.

Da schrieb er, dass er sowieso gerade auf dem Weg nach Masaki sei und schon einen Kanister Wasser ins Auto gestellt habe. Damit ich wenigstens duschen kann. Ich wollte in meinem Zustand eigentlich niemanden über den Weg laufen und war total baff, als er tatsächlich kam und mir das Wasser vorbeibrachte!

Wir haben dann noch eine halbe Stunde im Auto gequatscht und uns sooooo gut verstanden. Wir waren uns auf Anhieb mega sympatisch. Nummer 3 ist eine verdammt coole und witzige Person, die ich seitdem regelmäßig sehe.

Am schönsten war die Nacht, in der ich sein Auto fahren durfte und wir zwei Stunden kreuz und quer durch die Peninsula gefahren sind, neue Wege erkundet und einfach nur gelabert haben. Ich glaube Nummer 3 könnte ein guter Freund hier in Dar es Salaam werden.

 

Nummer 4

Nummer 4 ist eine ganz witzige Geschichte. Er erzählte mir, dass er eigentlich in Deutschland lebt, aber sein bester Freund am Samstag darauf hier heiratet. Zuerst habe ich mir nichts dabei gedacht, aber dann hat einfach alles zusammen gepasst. „Moment mal, eine Hochzeit, diesen Samstag? Heißt dein Freund zufällig xxx?“. Ich war nämlich für den selben Tag für eine deutschtansanische Hochzeit als Fotografin gebucht.

Und ja, natürlich war es die selbe Hochzeit. Wir haben uns dann gleich spontan getroffen und den ganzen Nachmittag verquatscht. Nummer 4 ist Tansanier, lebt aber seit fünf Jahren in Deutschland und spricht so gut Deutsch, dass ich manchmal vergesse, dass er Tansanier ist.

Wir haben uns richtig gut verstanden und haben uns dann natürlich auch auf der Hochzeit wiedergesehen. Vor seiner Abreise hat er mich noch in das Ferienhaus seiner Tante auf Kigamboni eingeladen. Das war superschön und ich wäre sonst nie dort hingekommen. Von der Dachterrasse hatten wir den Blick auf einen einsamen Strand. Es gab keine Menschenseele, nur Affen, und riesengroße Wellen, wie ich sie sonst noch nie gesehen habe!

 

Nummer 5

Nummer 5 studiert in Kapstadt und war gerade auf Weihnachtsbesuch in Tansania. Wir hatten einen Match an Silvester. Wir tauschten kurz unsere Pläne für den Abend aus. Er sagte mir, er hätte noch Gästelistenplätze fürs Hyatt und würde sich freuen, wenn ich später dazukäme.

Letztendlich hat sich der Abend wirklich so entwickelt, dass meine Freundin Gladys und ich noch zur Rooftop-Party ins Hyatt fuhren. Und Nummer 5 trafen wir dann auch direkt im Fahrstuhl. Die Party war echt erste Sahne. Richtig gute Musik, toller Ausblick, und sehr interessantes Publikum, alles ein bisschen Schicki-Micki.

Nummer 5 ist nicht nur extrem attraktiv, sondern auch ein interessanter Gesprächspartner und seine soziale Herkunft schon ein wenig faszinierend. Zugegeben, ich hatte einen kleinen Crush. Er lud mich nach Kapstadt zu seinem Geburtstag ein, und da ich gerade wirklich keine Ausrede parat hatte, und sowieso immer mal zurück nach Kapstadt wollte, ließ ich mir das nicht zweimal sagen und buchte spontan einen Flug.

Kapstadt wiederum erlebte ich diesmal durch Nummer 5 und seine Mitbewohner auf eine ganz andere Art und Weise und kam außerdem recht günstig unter. Ob wir uns wiedersehen? Vorerst wahrscheinlich nicht, da uns mehrere tausend Kilometer trennen. Aber letztendlich war es ja auch ‚nur’ ein Tinder-Date, keine Verpflichtungen und so.

 

Mein Fazit

Ich habe über Tinder hier wirklich interessante Persönlichkeiten kennengelernt und konnte in Welten eintauchen, zu denen ich sonst niemals Zugang bekommen hätte. Und ich glaube genau das macht Tinder auch überall auf der Welt aus: Dass man Menschen außerhalb seines Freundeskreises kennenlernt, in dem sich ja meistens doch alle etwas ähneln.

Aus einigen Bekanntschaften wurden regelmäßige Treffen, andere waren oder sind hilfreich für mein Business. Dabei ging es eigentlich fast nie um Sex, wobei es  natürlich hier und da auch mal unterschiedliche Erwartungen gab. Das habe ich dann aber einfach entsprechend kommuniziert und entweder die Person hat es akzeptiert oder man hat sich eben nicht mehr getroffen.

Ich glaube ich benutze ab jetzt immer Tinder, wenn ich mich in einer neuen Stadt einleben oder Kontakte knüpfen will :D

 

Wie sind deine Erfahrungen mit Tinder oder anderen Dating-Apps? Hast du sie auch schon während des Reisens benutzt? Ich bin sehr gespannt :)

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