Eine arabische Hochzeit an Heiligabend

Seit zwei Monaten bin ich nun mit meinem One-Way-Ticket in Tansania und sicher fragst du dich, wie mein Heiligabend hier aussah. Nun ja… ich wollte eigentlich gemeinsam mit ein paar Mädels aus Leipzig das traditionell-deutsche Weihnachten am 24.12. feiern. Mit leckerem Essen, Schrottwichteln und allem drum und dran. Da bekomme ich spontan eine Anfrage von meinen Freunden von OGS Studios, eine arabische Hochzeit als Fotografin zu shooten.

Das Angebot ist tatsächlich so verlockend, dass ich meinen Heiligabend dafür sausen lasse. Anscheinend sind weibliche Fotografen in Dar es Salaam Mangelware, wobei sie für viele muslimische Hochzeiten, vor allem Kreisen der arabischen Minderheit, unerlässlich sind. Denn Frauen und Männer feiern in der Regel getrennt.

Um ehrlich zu sein, bin ich ziemlich aufgeregt. Mein erster großer Gig, ich bin komplett auf mich allein gestellt. Was ist, wenn ich die Bilder nicht richtig ausgeleuchtet kriege (denn in der Fotografie mit Blitz bin ich alles andere als geübt)? Wenn ich einen wichtigen Moment verpasse und er auf ewig verloren ist? Wenn ich in ein kulturelles Fettnäpfchen trete?

Es gibt zwei Bräute: Sie sind Schwestern und heiraten beide gleichzeitig. Genaugenommen besteht die Hochzeit aus zwei Veranstaltungen: Dem Abschied der Bräute von ihrer Familie im Kreise der Frauen und der eigentlichen Trauung, die einige Tage später stattfindet. Dies ist also zunächst der Abschied und es gibt eine ganz wichtige Anweisung: Fotografiere niemanden, außer die Bräute oder Gäste, die dich explizit darum bitten.

Mit zwei Kameras, vier Objektiven und einer Portion Muffensausen mache ich mich auf den Weg.

Ich glaube das war der aufregendste Heiligabend, den ich je hatte!

Als ich im Haus der Familie ankomme, komme ich mir vor als hätte mich jemand in ein Märchen aus eintausendundeiner Nacht geschubst. Es ist riesig, wie ein Schloss. Alles glänzt und ist mit arabischer Kalligrafie verziert. Verschnörkelte Möbel, gemusterte Teppiche, ein ganz besonderer Duft, kleine Lautsprecher an der Decke, aus denen der Klang arabischer Gebete kommt. Es gibt sogar einen Aufzug.

Während ich da so warte und nur hin und wieder einen kleinen Blick in das Gemach, in dem die Bräute zurechtgemacht werden, erhaschen darf, laufen wunderschön zurechtgemachte Frauen an mir vorbei. Lange schwarze Haare, mit Henna bemalte Arme und Hände, bunt geschminkte Augen, aufgeklebte Wimpern, goldener Glitzerschmuck, wunderschöne Kleider und edle Düfte versetzen mich in Staunen. All das verschwindet unter großen schwarzen Gewändern und Kopftüchern als uns der hauseigene Chauffeur zum Saal fährt.

Der Veranstaltungsraum liegt – eher unromantisch – in einer Shoppingmall. Als ich durch die Eingangstür, die gleich hinter mir wieder geschlossen wird, in den Saal schlüpfe, befinde ich mich plötzlich in einer anderen Welt.

Ein Raum voller wunderschöner bunt gekleideter, glitzernde, duftender Frauen (sicher um die 500). Einige davon an runden Tischen auf dem dunkelroten Teppichboden sitzend, andere in der Mitte gemächlich zu arabischer Musik tanzend. Alles ist in warmes, gemütliches Licht getaucht.

Auf der Bühne stehen verschnörkelte Sessel. Immer wieder werde ich gebrieft: Bitte keine Fotos machen. Denn hier feiern nur Frauen unter sich und niemand in der Außenwelt solle sie so hübsch zurechtgemacht zu Gesicht bekommen.

Umso mehr entzückt mich in diesem Moment die Vorstellung, dass sich diese Frauen den ganzen Tag zurechtmachen einzig und allein um sich selbst zu gefallen! Einfach toll.

Nicht gerade einfach an einem solchen Ort keine Fotos machen zu dürfen. Aber es hat auch etwas Magisches: Diese Welt, in der ich mich gerade befinde, würde niemand jemals zu Gesicht bekommen. Und ich darf sie für einen Abend miterleben. Denn nicht einmal untereinander machen die Damen Fotos von sich, außer vielleicht ein Selfie mit dem eigenen Handy. Eine Dame wird sogar aufgefordert ein Bild zu löschen, dass sie unerlaubt mit ihrem Handy gemacht hatte.

Nach ca. zwei Stunden ist es soweit: Die Bräute sind da und ich darf endlich Fotos machen, Sie schreiten Hand in Hand, im goldenen Kostüm, ganz langsam in den Saal. Sie sind wunderschön. Ihre Arme und Beine mit Henna bemalt, ihre Augen mit funkelnden Steinchen und langen Wimpern besetzt, ihre Gesichter, Finger und Arme mit Goldschmuck behängt.

Alles glitzert, alles funkelt. Auf ihren Köpfen tragen sie Diademe. Wie zwei Prinzessinnen gehen sie, umringt von den anwesenden Frauen, langsam in Richtung Bühne und nehmen letztlich auf ihren „Thronen“ Platz. Ich mache Portraitaufnahmen wie eine Besessene.

Kurze Zeit später werden die Bräute mit schwarzen Gewändern von Kopf bis Fuß verhüllt. Im Handumdrehen sind auch die Damen im gesamten Saal nicht mehr bunt und glitzernd, sondern komplett in schwarz gehüllt. Nun kommen die Bräutigame in den Saal und werden von den Frauen bejubelt und beschenkt.

Keiner von ihnen kann einen Blick auf seine Zukünftige werfen. Als sie den Saal wieder verlassen ist dieser im Nu wieder kunterbunt und auch die Bräute werden wieder enthüllt. Es folgen Umarmungen und Glückwünsche und Fotos mit den Bräuten.

Im Anschluss fahren wir wieder zu der Familie nach Hause. Die möchte nämlich noch Erinnerungsfotos für ihr Familienalbum. Ich werde ins prunkvolle Wohnzimmer geleitet, wo sich die Bräute mit ihren Eltern und Geschwistern fotografieren lassen.

Und dann, gegen 2 Uhr früh, darf ich endlich gehen. Der Chauffeur Abu (wir sind mittlerweile gute Freunde :D) bringt mich bis nach Hause. Was für ein Abend! Mit unglaublich viele Eindrücken und einem riesengroßen Gefühl von Glück gehe ich meine Fotos zu Hause durch bevor ich endlich einschlafen kann.

Wenige Tage später fotografiere ich die eigentliche Hochzeit, die nicht weniger prunkvoll und fotografisch anspruchsvoll ist und im Haus der Familie des Bräutigams endet. Vor dem Ehebett werden Hochzeitsportraits gemacht.

Als die Braut sich mit ihren unverhüllten Schwestern und Cousinen ablichten lassen möchte, muss der Bräutigam im Badezimmer warten, bis wir fertig sind.

In einem mit Ornamenten verzierten Salon mit Wandteppich bekomme ich noch ein paar „Kashata“ (ein Snack aus Erdnüssen, Kokosraspeln und Zucker) und unterhalte mich mit den erschöpften Frauen, bevor mich der liebe Abu nach Hause fährt.

In diese Welt für zwei Tage eintauchen zu können, war bis jetzt eines der Highlights hier in den letzten zwei Monaten. Ich bin unglaublich dankbar für diese Erfahrung und dennoch so durstig, da ich gerne so viel mehr darüber wissen möchte. Ich bin so froh, dass ich mich getraut habe nach Tansania zu kommen und mir mit der Fotografie ein Standbein aufzubauen. Dass ich das Risiko eingegangen bin mir teures Equipment anzuschaffen und meine Ersparnisse auf dem Konto schrumpfen zu sehen. Es war es wert! (Auch wenn ich glaube ich niemals Vollzeit-Hochzeitsfotografin sein könnte, aber das muss ich ja auch nicht :) )

3 thoughts on “Eine arabische Hochzeit an Heiligabend

  • Januar 10, 2016 at 11:24 pm
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    Hallo Stuffi,
    Ich finde, das ist bisher dein schönster Eintrag! Da wird man glatt neidisch. Bitte schreibe doch noch mehr und lass uns noch mehr an deinem neuen, uns so fremden Leben teilhaben. Ich würde auch gern mehr über alltägliche Dinge lesen. Jetzt wo du nicht mehr von 9 to 5 im Büro sitzt, was machst du eigentlich zwischen 9 und 17 Uhr?

    P.S. installiere snapchat! :D

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  • Januar 15, 2016 at 7:38 am
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    Liebe Alena,

    danke für deinen süßen Kommentar :) Habe mich sehr gefreut.

    Ja, ich müsste eigentlich viel mehr schreiben, vor allem über alltägliche Dinge. Aber ich schätze, wenn es einem gut geht und man zufrieden ist, dann ist das Bedürfnis immer gar nicht so groß alles aufzuschreiben. Und viele Dinge, nimmt man selbst gar nicht mehr so wahr, wenn man sich eingelebt hat. Aber ich werde mir Mühe geben!

    Was ich von 9to5 mache, das ist eine gute Frage! Das Schöne ist, dass im Gegensatz zu vorher, jeder Tag bei mir anders aussieht. Es gibt Tage, an denen ich auch viel am Laptop sitze, Bilder bearbeite oder Übersetzungen mache. Ich kann mir aber aussuchen wo und wann ich diese Arbeiten erledige. Früh versuche ich oft laufen zu gehen, nehme dann eine kalte Dusche aus einem Eimer Wasser, frühstücke gemütlich und gehe dann in ein Café oder in das Nafasi Art Space um an meinem Kram zu arbeiten. Wenn ich zurückkomme gibt es meistens Reis mit Bohnen von Mama Hamisa, mit der ich zusammenwohne. Dann ist es meistens so heiß, dass ich nochmal dusche und dann meinen Abend plane.

    Ein Großteil meiner Arbeit besteht nämlich auch darin zu netzwerken, also bin ich viel abends unterwegs und versuche Kontakte zu knüpfen oder ich gehe auf Events und fotografiere (zum Spaß, um mir einen Namen zu machen oder bezahlt). Hier ist eigentlich fast jeden Abend was los. Filmabende, Poetry-Events, Konzerte, Parties… Oder ich treffe mich einfach mit Freunden auf einen Drink.

    Und dann mache ich auch viele Sachen einfach nur, weil ich sie aus tiefstem Herzen machen will :) Zum Beispiel meine Portraits und Stories für meinen instagram-Account @daimaphotography. Neulich habe ich an einem Artikel geschrieben, der dieses Jahr in einem Buch veröffentlicht wird und konnte dafür Interviews mit super interessanten Menschen machen. Und ich arbeite gerade an einer kleinen Doku, für die ich eine ugandische Künstlerin hier gefilmt und interviewt habe. Und ansonsten ergibt sich auch hier und da eine interessante Zusammenarbeit mit anderen. Zum Beispiel habe ich einer dänischen Künstlerin dabei geholfen ein Video zu drehen, habe einem tansanischen Dokumentarfilmer mit deutschen Untertiteln ausgeholfen. Letzte Woche haben wir mit noch zwei anderen tansanischen Mädels ein Fotoshooting gemacht. Wir wollen künftig eventuell öfter zusammenarbeiten.

    Ja und ansonsten versuche ich natürlich auch manchmal zu chillen. Dann schnappe ich mir mein Fahrrad und düse um die Halbinsel mit Blick auf den indischen Ozean, gehe Second-Hand-Klamotten in Mwenge shoppen, fahre zum grünen Unigelände und hole mir einen großen Obstteller oder häng mit Freunden rum. Manchmal geh ich auch im Strand oder am Pool baden :p

    Ich hoffe, das konnte deine Frage ein wenig beantworten. Ich werde mir mehr Mühe geben, auch mal alltägliche Dinge zu teilen :)

    Ganz liebe Grüße und Umarmungen <3
    Sophie

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  • Januar 29, 2016 at 6:17 pm
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    DANKE!! Voll interessant! Klingt alles gar nicht wirklich nach Arbeit. Sehr beneidenswert! Obwohl, eigentlich habe ich ja auch was gefunden, was mir (meistens) wirklich Spaß macht. :)

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