12 Gründe weshalb ich meinen Büro-Job gekündigt habe

Am 25.3. habe ich meinen Job gekündigt. Ich war seit knapp einem Jahr fest angestellt.

Mein erster Job nach dem Studium, der für mich als Geisteswissenschaftlerin eigentlich ein Hauptgewinn war.

Die Firma: Ein supercooles Startup mit Office-Parties, die meisten Kollegen Mitt- oder Endzwanziger.

Ich durfte meine Kuschelsocken anziehen, witzige Foto-Collagen von meinen Kollegen ausdrucken und eigentlich auch sonst alles machen was ich wollte.

Alles in allem – der softeste Start ins Berufsleben, den es für mich hätte geben können.

Trotz allem habe ich gemerkt: Ich kann mir absolut nicht vorstellen, den Rest meines Lebens so zu verbringen.

Es war ein Prozess, und die Entscheidung fiel nicht vom Himmel. Am Anfang habe ich mir selbst viel Druck gemacht.

„Du brauchst die Berufserfahrung, sonst wird das mit dem MBA nichts. Sonst bekommst du deinen Traumjob nicht. Sonst…“.

Dann hab ich mich irgendwann gefragt: Was bringt es „durchzuhalten“, nur weil man glaubt, dass in ein paar Jahren alles besser wird?

Ich bin nur einmal 22. Und auch nur einmal 23, 24 usw. Und ich will nicht hoffen mit Anfang 30 glücklich zu sein. Ich will es jetzt oder zumindest bald sein.

Mir ist klar, dass wir in keiner Traumwelt leben und jeder hart arbeiten muss, um seine individuellen Ziele zu erreichen – auch ich werde das müssen. Vor mir liegen mit Sicherheit noch viele 60-Stunden-Wochen.

Jedoch hoffe ich, dass ich alles was kommt mit Leidenschaft mache, die Grenzen zwischen Arbeit und Hobby ein wenig aufweichen und mir niemand mehr vorschreibt „9to5“ produktiv zu sein.

Hier die Liste der Gründe, weshalb ich gekündigt habe ohne einen Plan B zu haben.

1. Ich möchte nicht den Großteil meiner Lebenszeit damit verbringen zu arbeiten um dann in meiner Freizeit Dinge zu tun, die ich eigentlich tun will.

Viele Menschen definieren sich über ihren Job. „Und was machst du so?“ wird man oft gefragt. Bedeutet so viel wie „Was arbeitest du? Was hast du studiert?“. Ich kann und will mich nicht allein über einen Job definieren. Dafür habe ich einfach zu viele Interessen.

Es gibt viele Dinge, die mir an meinem Job Spaß gemacht haben.

Deshalb will ich aber auch nicht 40 Stunden die Woche (ergo den Großteil meiner Lebenszeit) im Büro verbringen.

18 Uhr Feierabend, 19 Uhr zu Hause. Jetzt ist der Tag eigentlich schon gegessen.

Am Wochenende war ich oft richtig traurig. Es hatte gerade erst angefangen, und war schon wieder vorbei.

Da hat man es gerade geschafft einzukaufen, Staub zu saugen und Wäsche zu waschen.

Feiern gehen ist nicht mehr drin. Ich will ja nicht den ganzen Sonntag verschlafen, sonst ist so schnell wieder Montag.

 

2. Ich möchte Energie und Zeit für die wesentlichen Dinge haben.

Oftmals bin ich früh in die S-Bahn Richtung Strausberg gestiegen und dachte „Wie gern würde ich jetzt einfach sitzen bleiben und meine Großeltern besuchen.“

Am Wochenende war ich meistens so geschafft, dass mich die Fahrt extrem genervt hat oder mich gar nicht erst auf den Weg gemacht habe. Was schade ist, denn irgendwann werden sie nicht mehr da sein.

Manchmal habe ich mich auch darauf gefreut ein schönes Buch weiter zu lesen und bin dann einfach eingeschlafen, weil ich von der Arbeit so kaputt war.

Viele Freizeitangebote in Berlin konnte ich gar nicht wahrnehmen, da ich erst um 18 Uhr Feierabend hatte.

Es ist also gar nicht so leicht neben der Arbeit genug Energie und Zeit aufzubringen um sich mit Dingen zu beschäftigen, die einem wichtig sind.

Dann will man auch noch seine Freunde sehen, die Beziehung pflegen oder muss irgendwelche Besorgungen tätigen.

Und irgendwann muss man sich auch ausruhen.

Das ist sicher Typ-abhängig und ich bewundere Leute, die trotz Vollzeitjob und Kindern auch noch ehrenamtlich tätig sind und einem Hobby intensiv nachgehen.

Ich für meinen Teil habe die ganze Zeit das Gefühl gehabt, dass alles an mir vorbeizieht.

 

3. Drei Wochen Jahresurlaub sind einfach nicht genug für mich.

Das habe ich am Anfang wohl am meisten unterschätzt. Ich kam gerade nach sieben Monaten aus Tansania zurück, nachdem ich schon seit Jahren immer wieder längere Zeit im Ausland war, und dachte ich wäre erstmal für eine Weile vom Fernweh geheilt.

Relativ schnell war es aber wieder da und ich habe jetzt gemerkt, dass ich wenigstens einmal im Jahr für 2-3 Monate hier raus muss.

Ich muss weggehen um zu schätzen, was ich zu Hause habe.

Jede Reise gab mir den Antrieb etwas neues auszuprobieren oder zu verändern und ich fühlte mich ausgeglichener.

Außerdem liebe ich es einfach in andere Welten zu tauchen, neue Kulturen kennenzulernen, zu fotografieren und fremde Sprachen zu sprechen.

Drei Wochen (und das nur einmal im Jahr) reichen dafür auf gar keinen Fall.

 

4. Jeder Tag ist gleich.

2014 ist für mich wie ein leeres Jahr. Ich weiß absolut nicht, was da passiert ist. Ich habe einfach fast nichts erlebt.

Hier und da mal ein verlängertes Wochenende. Ein schönes Gespräch auf ein Weinchen nach der Arbeit. Aber das war’s auch schon.

Ein Tag war wie der andere: Ich saß einfach nur vor meinem Laptop. Ob wir 2014 einen schönen Sommer hatten? Keine Ahnung. Kann sein?!

Oft bin ich aufgestanden und dachte „ich hab keine Lust auf diesen Tag.“

Das ist wirklich verdammt traurig und ich möchte mich nie wieder so schlecht an ein Jahr erinnern können.

 

5. Ich will nicht vorgeschrieben bekommen, wann ich produktiv zu sein habe.

Spaßeshalber habe ich mal eine kleine Umfrage unter Kollegen gemacht. „Arbeitet ihr wirklich acht Stunden am Stück durch?“ – „Nee, auf keinen Fall. Nachmittags fall ich erstmal in mein Tief, gegen 17 Uhr hau ich dann nochmal richtig in die Tasten und dann geh ich nach Hause.“

Warum muss ich acht Stunden im Büro sitzen, wenn ich meine Ziele in der Hälfte der Zeit erreiche?

Warum kann ich nicht um 7 Uhr arbeiten, wenn das meine produktivste Zeit ist? Oder bis 20 Uhr?

 

Warum kann ich nicht einfach gehen, wenn ich durch bin?

Warum muss ich so tun, als würde ich angestrengt arbeiten?

Der Gedanke Zeit abzusitzen hat mich mit am meisten deprimiert.

 

6. Ich habe mich oft unterfordert gefühlt.

Oftmals war ich so unterfordert, dass ich richtig niedergeschlagen war. Die Aufgaben haben mich inhaltlich einfach gelangweilt und ich konnte nichts neues mehr lernen.

Ich war unglücklich und ging genervt, unbefriedigt und trotzdem total kaputt nach Hause.

Manchmal gab es auch einfach wenig zu tun und ich habe mir meine Aufgaben auf den ganzen Tag flachgewalzt (was wiederum auch wieder anstrengend war! Man will ja nicht den Eindruck erwecken, dass man den ganzen Tag nur Youtubevideos guckt).

Ich war lange nicht die einzige, der es so erging. Wie kann es sein, dass sich so viele Menschen auf der Arbeit langweilen – und darunter leiden?

 

7. Mangel an Tageslicht

Kein Witz! Kurz nach meiner Anstellung sind wir ins Erdgeschoss umgezogen. Ohne künstliches Licht waren die Büroräume zu jeder Tageszeit stockduster. Ich arbeitete den ganzen Tag in grellem Kunstlicht.

Am Anfang haben meine Augen wie Sau davon gebrannt, bis ich in eine Ecke mit Deckenfluter umziehen durfte.

Der Pausenraum im Keller war nicht nur dunkel sondern auch lieblos eingerichtet. Ein schmaler Streifen bot den Blick in den Himmel…

Ich weiß noch, dass ich nach jeder Mittagspause am Maybachufer, unglaublich traurig darüber war, wieder zurück in meine dunkle Ecke zu müssen.

 

8. Bewegungsmangel und Rückenschmerzen

Den ganzen Tag saß ich gekrümmt auf meinem Bürostuhl und starrte auf meine Excel-Tabellen. Ich bekam schnell Rückenschmerzen.

Als ich nach Feierabend mit meinem Rucksack zur Bahn ging fühlte ich mich jedes Mal richtig schäbig und geschafft.

Irgendwann tauschte ich den Stuhl gegen einen billigen Ikea-Klappstuhl. Die Rückenschmerzen gingen erstmal weg.

Gegen Ende meines Jobs habe ich dann einen 10-15minütigen Spaziergang in der Mittagspause eingeführt (kam ganz gut an) um sich wenigstens einmal am Tag bewusst zu bewegen.

 

9. Mein Umfeld hat mich nicht mehr inspiriert.

Jeden Tag die gleichen Gesichter. Jeden Montag dieselbe Frage: „Und was hast du am Wochenende schönes gemacht?“ So richtig hat niemand etwas spannendes zu erzählen.

In dem tristen Arbeitsalltag hätte ich mich auch gefreut, mal neue Gedanken auszutauschen.

Ich weiß jetzt für mich, dass ich ein Arbeitsumfeld brauche, in dem ich regelmäßig auf neue Menschen stoße.

Manchmal war es aber auch ganz witzig und die anderen eine wunderbare Stütze.

Was mich am meisten schockiert hat war, dass eigentlich alle die selben Probleme hatten wie ich.

Zu meiner Kündigung haben mir ausnahmslos alle gratuliert. Bei vielen (nicht allen) vermisste ich aber den Wunsch etwas an ihrer Situation zu ändern.

Ich hatte den Eindruck, dass sie sich damit abgefunden hatten, und das machte mich traurig.

 

10. Ich hatte keine Angst.

Zum einen habe ich mir im letzten Jahr immer wieder etwas zur Seite gelegt.

Ich hatte wirklich kein super Gehalt, aber ich brauche auch nicht viel zum Leben und halte meine Fixkosten gering.

Mitgliedschaften im Fitness-Studio und monatlichen Versicherungsbeiträgen gehe ich bewusst aus dem Weg. Mit meinen Ersparnissen reicht es jetzt erstmal für eine Weile.

Zum zweiten habe ich mir versucht vorzustellen, was schlimmstenfalls passieren kann.

Oft hat man mich sagen hören: „Zur Not gehe ich eben wieder kellnern“. Nicht, dass das mein Traumjob wäre, aber ich bin mir eben nicht zu schade dafür.

Für den Fall, dass meine Ideen nicht aufgehen und ich meine Projekte jenseits von 9to5 gegen die Wand fahre und nirgendwo mehr einen Job als Kellnerin finde, gibt es in Deutschland immer noch ein Sicherheitsnetz.

Man kann nicht auf der Straße landen. Das im Hinterkopf zu haben hilft ungemein bei einer vermeintlich risikobehafteten Entscheidung.

 

11. Karriere, Beförderung und Geld bedeuten mir nichts.

„Wer nimmt dich denn noch mit diesem Lebenslauf?“. Ganz ehrlich? Ich habe gar keine Lust bei einer Firma zu arbeiten, die meinen Lebenslauf nicht cool findet.

Ich habe es satt mich anzubiedern und alles zu tun um einem Unternehmen zu gefallen. Ich bin so wie ich bin.

Im Übrigen finde ich diese Einstellung ziemlich passiv. Wenn mich keiner nimmt, dann „baue“ ich mir meinen Job eben selbst! Dafür gibt es heutzutage genug Möglichkeiten.

Auch das Wort „Führungskraft“ klingt für mich ziemlich gruselig. Das bedeutet nur mehr Verantwortung, weniger Freizeit, mehr schlaflose Nächte. Wofür?

Ich brauche kein Auto, kein großes Haus und keinen riesigen Fernseher – also auch nicht viel Geld. Was bringt mir das alles, wenn ich keine Zeit habe, es überhaupt auszugeben?

Dinge zu kaufen, befriedigt mich einfach nicht. Ich brauche genug Geld zum Leben, ich will mir gern mal was gönnen oder schöne Momente mit meinen Freunden haben und natürlich reisen.

Irgendwann will ich auch mal Kinder. Aber für all das reicht auch ein moderates Gehalt.

 

12.Ich richte mich nicht danach, was andere von mir denken (bzw. versuche es ;) )

Ok, das ist nicht ganz richtig. Natürlich trifft es mich, wenn meine Familie mich für das Sorgenkind hält und meine Entscheidungen nicht nachvollziehen kann.

Es wäre aber kein Grund für mich nicht so zu leben, wie ich es selbst möchte.

Schließlich ist es mein Leben, ich habe mir ja über Monate Gedanken über meine Entscheidung gemacht und liege niemandem auf der Tasche.

Es ist natürlich nicht immer leicht, da unsere Eltern und Großeltern noch mit ganz anderen Werten aufgewachsen sind und meine Welt nicht immer begreifen.

Sie müssen akzeptieren wie ich lebe, dürfen gern nachfragen und Bedenken äußern, aber niemals über mich urteilen.

Das gleiche gilt für Freunde. Manche glauben sie sind besonders schlau und reden einem viele Ideen schlecht. Ich versuche mich mehr mit Menschen zu umgeben, die mich ermutigen, in dem was ich tue.

Mit meinen Freunden habe ich da wirklich großes Glück (Danke!). Als ich gekündigt habe, haben mir alle gratuliert und sich für mich gefreut.

Was jetzt passiert?

Ich habe ehrlich gesagt keine Ahnung (aber ein paar Ideen). Ich weiß nur, dass ich nie wieder so ein Jahr haben möchte.

Vielleicht geht es in Richtung Selbstständigkeit, vielleicht aber reicht auch schon eine 4-Tage-Woche in einer coolen und mitarbeiterfreundlichen Firma.

Eins ist klar: Ich habe den radikalen Cut gebraucht, um neue Wege denken und gehen zu können!

 

Kommen dir einige, der hier aufgezählten Punkte bekannt vor? Warum hast du gekündigt bzw. hast es vor? Glaubst du, dass man in einem Angestelltenverhätnis grundsätzlich nicht glücklich sein kann? Lass es mich wissen und hinterlasse einen Kommentar!

5 thoughts on “12 Gründe weshalb ich meinen Büro-Job gekündigt habe

  • September 25, 2015 at 11:38 am
    Permalink

    Liebe Sophie,

    Ja, Ja und nochmals Ja!!! Du sprichst mir so aus der Seele. Genauso habe ich mich während meines Praktikums bei einem großen Wirtschaftsprüfer gefühlt. „Macht sich richtig gut in deinem Lebenslauf“ haben sie gesagt. Praktikantengehalt hat auch gestimmt. Überdurchschnittlich! Doch es ging mir noch nie so schlecht für eine so lange Zeit, wie während dieses Prakitkums. Ich war unglücklich und dachte mir die ganze Zeit, dass das doch nicht alles sein könnte. Alle deine Punkte treffen bei mir genau ins Schwarze. Langeweile, Erschöpfung vom mindestens 8h auf dem Stuhl sitzen bei schlechter Luft und wenig Licht und auf dem Bildschirm starren, etliche Stunden Fahrtweg, keine positive Energie und und und habe mich ausgelaugt. Das Ende des Prakitkums war eine Erleichterung. Es ging mir schlagartig so viel besser. Ich will mehr. Ich will Selbstbestimmtheit. Ich will Sinn. Ich will Glück. Ich will einfach nur Leben. Und das jetzt!

    Ich wünsche dir ganz viel Erfolg auf deinem Weg. Ich hoffe ganz viel von dir zu lesen in der Zukunft und sich auch mal wieder über den Weg zu laufen :)

    Liebe Grüße,
    Julia von http://derjogblog.com/

    Reply
    • September 28, 2015 at 8:40 am
      Permalink

      Liebe Julia,

      vielen vielen Dank für deinen Kommentar. Es tut verdammt gut zu wissen, dass ich mit meinen Gedanken nicht alleine bin! Mir geht es auch so viel besser, seit der Kündigung. Zum Beispiel hatte ich Monate lang schlimme Bauchschmerzen, die dann sofort aufgehört haben!

      Ich frage mich, wann endlich ein fundamentales Umdenken in der Arbeitswelt stattfindet. Wann die Menschen verstehen, dass man einem Arbeitnehmer nicht vorschreiben kann, wann er produktiv zu sein hat. Dass glückliche und erholte Mitarbeiter auch mehr zurückgeben. Wann ergebnisorientiertes und ortsunabhängiges Arbeiten endlich mehr Bedeutung gewinnt als Zeit absitzen.

      Es gibt einige Firmen, die da schon tolle Modelle fahren. Es muss ja nicht gleich jeder seinen Job kündigen oder sich selbstständig machen, um glücklich zu sein. Vielleicht würden viele Menschen jeden Tag gerne aufstehen und zur Arbeit gehen, wenn sich einfach ein paar Strukturen grundlegend ändern.

      Ganz liebe Grüße und viel Glück auf deinem Weg,
      Sophie

      Reply
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