10 Dinge, die ich in Tansania gelernt habe

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Immer wenn ich in Tansania bin, habe ich das Gefühl ein ganz anderer Mensch sein zu können. Ich fühle mich unglaublich frei und spüre, dass einfach alles möglich ist.

Das hängt vor allem damit zusammen, dass die Menschen, die mich hier umgeben, genau das ausstrahlen und mich somit unglaublich inspirieren.

Nachdem ich gekündigt habe, war Tansania genau der richtige Ort, um mir über viele Dinge hinsichtlich meines weiteren Lebensweges klar zu werden.

Hier einige Dinge, die ich aus den letzten sechs Wochen Tansania für mich mitgenommen habe.

 

1. Dinge nehmen wie sie kommen und nicht darüber nachdenken, wie es sein könnte

Das habe ich so oft bewundert. Ich neige dazu mich über Dinge zu beschweren, die ich nicht ändern kann.

Oder mich nach etwas zu sehnen, dass ich gerade nicht haben kann.

Vielleicht fühle ich mich von jemandem ungerecht behandelt oder bin einfach nur im Stress.

In Tansania habe ich oft bewundert, wie Dinge, die gerade nicht so laufen, mit einem einfachen Lächeln abgetan und akzeptiert werden.

Das Baby meiner guten Freundin Mwanaidi schreit ohne Ende, sie weiß nicht, wie sie über den nächsten Monat kommen und die Vorfeier für ihre Hochzeit finanzieren soll…

und trotzdem lächelt sie liebevoll und gelassen. „So ist es eben, Sophie, was bringt es zu verzweifeln?“.

Sie weiß einfach, dass auch wieder bessere Zeiten kommen. Womit wir schon beim zweiten Punkt wären…

 

2. Darauf vertrauen, dass alles gut wird

Im Schwarzmalen bin ich ein Profi: Obwohl am Ende meistens alles gut ausgeht, neige ich dazu, mir die schlimmsten Dinge auszumalen.

Die Prüfung hast du bestimmt diesmal nicht geschafft. Der Typ ruft sicher nicht zurück usw.

Dadurch geht es mir dann unnötig schlecht, bis letztendlich doch alles gut wird.

Viele Tansanier haben einfach mehr Vertrauen in das Positive.

Das hat sicherlich auch damit zu tun, dass die meisten Menschen hier sehr religiös sind. „Munga atasaidia“ (Gott wird uns helfen) höre ich hier täglich.

Und wenn etwas mal nicht klappt, dann sollte es eben nicht sein.

Ein guter Freund und Poet, Muki, sagte mir: „Positivity attracts positivity. Negativity attracts negativity.“

Und es stimmt! Wie sollen uns positive Dinge widerfahren, wenn unsere Einstellung negativ ist?

Seitdem versuche ich von Grund auf positiv zu sein. Mir den Kopf zermartern und mich selbst bemitleiden kann ich ja immer noch, wenn es mal daneben geht.

 

3. Sich selbstständig machen

Die wenigsten Menschen, die ich in Tansania kenne, haben eine feste Anstellung. Fast alle arbeiten selbstständig an einem oder sogar mehreren Projekten gleichzeitig. Und selbst die Angestellten verdienen sich oft nebenher noch etwas dazu.

Meine Gastmama in Dar es Salaam hat einen großen Wassertank und verkauft Wasser an ihre Nachbarn.

Ein paar Straßen weiter hat sie einen kleinen Stall mit Hühnern, um die sie sich jeden Tag kümmert.

Vor zwei Jahren hat sie in ihrem Haus einen Kindergarten eröffnet, weil sie gesehen hat, dass viele Nachbarn Schwierigkeiten damit hatten, eine zuverlässige Nanny für ihre Kleinen zu finden.

Außerdem vermietet sie noch ein Haus und ungefähr eine Autostunde entfernt hat sie ein Grundstück, auf dem sie bald etwas anbauen wird.

In meinem Umfeld in Berlin habe ich kaum Selbstständige.

Fast alle streben danach einen sicheren Job in einer Firma zu finden und einige arbeiten jahrelang darauf hin dort die Karriereleiter hochzuklettern.

Sich selbstständig zu machen, war auch für mich lange gar nicht denkbar.

Es tauchte nichtmal im Spektrum der Dinge auf, die ich möglicherweise tun könnte, wenn ich ‚groß‘ bin.

Warum ist das so? Warum feilen wir jahrelang an unseren Lebensläufen um irgendwelchen Arbeitgebern zu gefallen? Wir wissen doch ganz genau, was wir drauf haben.

Sich selbstständig zu machen, klingt für viele nach Risiko. Aber wenn man es nicht wenigstens versucht, weiß man doch nie, ob es nicht vielleicht geklappt hätte.

Ich habe mittlerweile den Mut entwickelt es als mögliche Option für mich zu betrachten. Das war ein langer Prozess und vor einem halben Jahr nicht denkbar gewesen.

 

4. Nicht zweifeln

Ich bin ein Mensch mit vielen Selbstzweifeln und genau damit stehe ich mir im Weg.

Bevor ich überhaupt angefangen habe eine Idee  umzusetzen, stelle ich schon in Frage, ob es wirklich aufgeht.

Habe ich genügend Kenntnisse um mich mit etwas selbstständig zu machen?

Kann ich gute Qualität liefern? Werden die Leute das Produkt wirklich kaufen? Bin ich nicht zu alt um mit dem Tanzen anzufangen?

In Tansania haben mich so viele Menschen ermutigt. „Du willst Fotografin werden? Du hast eine gute Kamera, fang doch einfach an?!?!“

Ich habe viele Menschen getroffen, die sich nicht mit ihren Zweifeln im Weg stehen.

Die grundsätzlich davon ausgehen, dass die Dinge aufgehen und so lange kämpfen bis es klappt. Meistens liegt es nämlich doch nur an uns selbst.

 

5. Nicht darüber nachdenken, was andere denken

Eine meiner wichtigsten Lektionen, die ich aus meiner Zeit in Ostafrika mitgenommen habe.

Das können wir in Deutschland so gut – uns damit beschäftigen wie andere Leute uns sehen.

Für mich ist es mitunter das größte Hemmnis in allem, was ich tue und ich versuche jeden Tag ein Stück mehr davon wegzukommen.

Werden mich die Profis in der Branche belächeln, wenn ich mich selbstständig mache? Ist es nicht peinlich als erste Person auf den Dance Floor zu gehen? Oder bei der Podiumsdiskussion eine blöde Frage einzuwerfen?

In Tansania sehe ich dieses Verhalten kaum. Was vielleicht auch damit zu tun hat, dass die Menschen hier selbst weniger andere Leute bewerten (darin sind wir Deutschen nämlich auch sehr gut!).

Da wird einfach gesungen, getanzt, vor vielen Leuten ein Statement abgegeben ohne sich Gedanken darüber zu machen, dass jemand es nicht gut finden könnte.

In meiner Dar-es-Salaam-Fotografen-WhatsApp-Gruppe, werden Fotos auch von Leuten gepostet, die sich gerade erst selbstständig gemacht haben und sich vielleicht auch noch keine Profi-Kamera leisten konnten.

Sie scheuen sich aber nicht ihre ersten Ergebnisse zu präsentieren und sich Kritik von den alten Hasen einzuholen. Genau so muss es sein!

 

6. Aufhören sich mit anderen zu vergleichen

„Aber es gibt so viele, die das viel besser können. Die das schon ihr Leben lang machen. Die das studiert haben. So gut werde ich nie!“

Das ist völliger Quatsch. Ich habe in letzter Zeit so viele Menschen getroffen (in Deutschland wie auch in Tansania), die innerhalb kürzester Zeit richtig gut in etwas geworden sind.

Weil sie es sich mit Leidenschaft und Durchhaltevermögen angeeignet haben und sich nicht davon haben abschrecken lassen, dass es viele andere Menschen gibt, die besser darin sind als sie selbst.

Meine Freundin Michelle aus Dar es Salaam wird demnächst ein Yoga-Studio eröffnen, auch wenn sie selbst erst seit einer Weile Yoga praktiziert.

Sie denkt nicht darüber nach, dass jemand anderes vielleicht ein besseres Studio eröffnen würde. Sondern versucht Tag für Tag professioneller zu werden.

Mein guter Freund Alphonce hat erst vor anderthalb Jahren angefangen zu fotografieren.

Und hat jetzt genug Einnahmen um ein Office anzumieten und sich zu vergrößern.

Eine Regel besagt, dass 10000 Stunden notwendig seien, um in etwas ein absoluter Experte zu werden.

Alle Menschen, die in ihrem Leben tatsächlich etwas geschafft haben, haben mal klein angefangen. Nur man muss eben anfangen ;) Wann starten deine 10000 Stunden?

 

7. Heute anfangen!

Du hast einen Traum? Was kannst du jetzt und hier dafür tun um ihm näher zu kommen?

Mein Freund Nicholas aus Dar es Salaam möchte Dokumentarfilmer werden.

Er hat weder einen Computer,auf dem er seine Filme schneiden kann, noch eine professionelle Kamera mit Mikrofon und anderem Schnick-Schnack.

Aber er hat einfach angefangen und bisher Material für drei ganze Filme zusammen, die er schneiden wird, sobald er sich das richtige Equipment zusammengespart hat.

Das ist auch eines meiner größten Learnings von der DNX gewesen: Die meisten Menschen, die dort auf der Bühne standen, waren nicht begabter oder außergewöhnlicher als ich. Ihre Geschichten waren nicht viel interessanter als meine.

Der große Unterschied aber ist: Sie haben es getan. Sie haben irgendwann einfach angefangen.

Sie haben ihre Stories in einem Blog niedergeschrieben oder als E-Book verkauft.

Oder einen Film gedreht. Und sich damit ihren Lebensstil ermöglicht.

 

8. Es muss nicht perfekt sein

Irgendeine Ausrede findet sich immer. Es fehlt das Startkapital, die Zeit, das richtige Equipment, die richtigen Kontakte, der richtige Augenblick…

Meine Gastmama wollte einen Kindergarten eröffnen. Die Idee war gut, da viele Leute in der Nachbarschaft nicht wussten, wer tagsüber auf ihre Kinder aufpassen könnte.

Räumlichkeiten zu finden und anzumieten, hätte eine Weile gedauert, viel mehr Startkapital erfordert und das Vorhaben immer weiter nach hinten verschoben.

Was hat meine Gastmama also gemacht? Sie hat aus ihrem Wohnzimmer einen kleinen Klassenraum gemacht. Eine Tafel und Lernplakate angebracht, ein paar kleine Stühle und Tische besorgt, fertig war die Baby Class!

Mein Freund Samson ist begnadeter Maler und wollte sich mit seinem Talent selbstständig machen. Er bekommt viele Aufträge von Firmen und Events für die er Plakate und Hauswände bemalt.

Neulich habe ich ihn in seinem Büro besucht: Im Labyrinth hinter dem alten Busbahnhof in Mwenge bemalt er zwischen zwei Hauswänden seine Plakate. Einfach perfekt :)

 

9. Kritik als Chance sehen

Kürzlich war ich bei einer Probe für eine groß angekündigte Tanzveranstaltung in Dar es Salaam.

Es war eine der letzten großen Proben, bei der auch viele Leute „vom Fach“ zusahen und anschließend ihren Senf dazugaben.

Die Kritik war hart und für einige der Tänzer niederschmetternd, wenige Tage vor der Aufführung.

Aber direkt danach wurde beschlossen, sich am nächsten Tag noch früher zu treffen und die Kritik so gut wie möglich umzusetzen.

Sie als Chance zu sehen um die Show noch erfolgreicher zu machen. Letztendlich war es ein großes Privileg, dass so viele Profis ihre ehrliche Meinung eingebracht hatten.

Wir sollten keine Angst vor (guter) Kritik haben. Sie gibt uns die Chance besser zu werden, in dem was wir tun!

 

10. Hart arbeiten und durchhalten!

Du hast eine Vision, ein großes Ziel, einen langen Weg vor dir? Es liegt alles NUR an dir.

Das Durchhalten fällt mir persönlich immer besonders schwer und ich versuche jeden Tag meinen Schweinehund in den Griff zu bekommen.

So viele Menschen habe ich in Tansania getroffen, die fokussiert und gewillt auf ihre Ziele hinarbeiten.

Die selbst nach einem anstrengenden 12-Stunden-Tag zu Hause noch zwei Stunden per WhatsApp und Facebook ihre Sache promoten.

Niemand hat gesagt, dass es leicht ist. Aber von nichts kommt eben nichts.

Ich finde es unglaublich, was wir leisten und erreichen können, wenn wir einfach nur die Arschbacken zusammenkneifen.

Wie viel ich in meinem Leben schon geleistet habe, weil ich es ‚musste‘. Weil mein Uni-Abschluss auf dem Spiel stand oder ein Chef in meinem Nacken saß.

Dann sollten wir uns doch umso mehr anstrengen, wenn es um unsere eigene Sache geht!

Wann hast du angefangen an dich selbst zu glauben? Wer oder was hat dich dabei inspiriert? Gibt es für dich auch Orte an denen du dich freier fühlst als in deinem gewohntem Umfeld? Dann schreib sie in die Kommentare :)

8 thoughts on “10 Dinge, die ich in Tansania gelernt habe

  • Oktober 7, 2015 at 1:14 pm
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    Hay liebe Sophy,

    ich bin beeindruckt von deinem Blog und es macht mir großen Spaß ihn zu lesen!
    Zu Punkt 3 ,Selbständig machen, habe ich aber meinen Senf dazuzugeben :D :
    Ich denke, es wird einem in Deutschland viel schwieriger gemacht, selbstständig zu sein. Wenn du beim ersten Mal nicht alles richtig machst, was Gewerbeschein, Steuererklärung am Ende des Jahres und Versicherungen geht (vor allem durch Unwissenheit, weil es ja dein erstes Mal ist ) können dich die Behörden ganz schön auffressen, ausspucken und zu Nichte machen. Da kann dein Gewerbe auch gut laufen, aber wenn das Finanzamt dir auf der Spur ist, und man nur eine Kleinigkeit falsch macht, kann man im Nachhinein mit nem Berg von Schulden von Dannen ziehen. In Tansania kenn ich auch viele, die Schulden haben, gerade weil sie versucht haben, etwas eigenes zu starten und es nicht funktioniert hat. Jedoch gibt es da den Aspekt des „ein Auge zudrückens“ , der einen meist den Allerwertesten rettet. Fazit für mich ist, dass der fehlende Mut, wenn man jung und frisch ist, selbstständig zu werden, in Deutschland auch legitim sein kann. Aber das würde für mich persönlich nicht bedeuten, deswegen auf ewig Sklave eines „Betriebs“ zu sein. Hier heißt es eher lernen von anderen und nach viel Arbeitserfahrung es mal selbst versuchen, wenn man genug hat, was einen auffangen könnte, wenn es schief läuft.

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    • Oktober 7, 2015 at 1:29 pm
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      Huhu Stela,
      danke für deinen Kommentar :)
      Ja, natürlich sollte man das Ganze nicht auf die leichte Schulter nehmen. Ich habe zum Glück viele Bekannte in meinem Umfeld, die schon ein paar Schritte weiter sind und mir gerade am Anfang mit dem ganzen Bürokratie-Kram geholfen haben. Und außerdem gibt es ja auch noch Steuerberater, die man sich beim ersten Mal zu Rate ziehen kann. Da ich Freiberuflerin bin und derzeit noch als Kleinunternehmerin durchgehe (unter 17500€ pro Jahr) ist es auch um einiges leichter.
      Und ja, in Tansania ist das schöne, dass man immer mit den Menschen REDEN kann, wenn es ein Problem gibt!
      Grundsätzlich finde ich es auch schade, wie groß die Hürden in Deutschland sind. Schon allein auf finanzieller Ebene. Selbst wenn mein Freelancing-Business keine Investitionen bedarf, müsste ich beispielsweise jeden Monat mehrere hundert Euro in die Krankenversicherung einzahlen, auch wenn ich noch keinen Cent verdiene. Das ist auch ein Grund weshalb ich mich erstmal nach Tansania absetze, um mir alles in Ruhe aufzubauen.
      Ganz liebe Grüße und bis bald!
      Sophie

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  • April 14, 2016 at 4:01 pm
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    Heyhey :)

    Huih.
    Ich finde es schön, dass du deine persönlichen Erfahrungen hier so ehrlich und offen teilst. Und ich finde es schade, dass du dich dennoch eurozentristisch ausdrückst.

    Du schreibst vom typischen „Armutsglück“. Und stärkst mit deinem Blog die oft westliche Auffassung, dass dort in „Afrika“ alle glücklicher sind. Eben weil sie positiv denken, ihre Situation akzeptieren, in Gott eine Stütze finden..

    Hmmhmm. Nur ist das eben deine Interpretation deiner Erlebnisse. Es könnte auch sein, dass man alles verdrängt und so tut, als ob man es akzeptiert, nicht über den nächsten Monat zu kommen. Ich selbst war in Kenia (11 Monate) und bin auch traumatisierten, unglücklichen und von westlichen Geldgebern abhängigen Menschen begegnet..

    Deine Wiedergabe ist mir persönlich zu einseitig und ich finde es schade, dass dadurch viele verschiedene Individuen positivierst.

    Angst habe ich vor unreflektierten Lesern, die aus deinen Storys „In Afrika haben die nichts und sind trotzdem glücklicher als wir“ machen.

    Ich hoffe, ich bin respektvoll geblieben, da ich dich nicht persönlich angreifen sondern zum Nachdenken bringen wollte.

    Jane

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    • April 15, 2016 at 8:55 am
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      Hallo liebe Jane,
      Erstmal danke für deinen Kommentar. Ich kann deine Kritik an meinen Artikel teilweise verstehen. Auch ich halte nicht viel von eurozentristischen Afrikabildern, und es war nie meine Absicht verallgemeinerne Aussagen über Afrika bzw. Tansania zu vermitteln. Von daher schreibe ich auch nie „Tansanier sind so und so“, sondern schreibe von meinen persönlichen Erfahrungen und den Individuen, die ich getroffen habe oder Dingen, die ich oft erlebt habe (die aber nicht auf alle zutreffen müssen). Ich bin selbst Afrikanistin und das letzte, was ich will ist es romantisierende Aussagen über den Kontinent zu treffen. Ich kann aber verstehen, dass man den Artikel (vor allem, wenn man selbst vielleicht noch nie vor Ort war und keinen Bezug hat, wie einige meiner Leser_innen) auf diese Art und Weise interpretieren kann und werde deine Kritik für die nächsten Artikel im Hinterkopf behalten. Letztendlich möchte ich auf meinem Blog aber vor allem Geschichten erzählen, die nicht jeden Tag erzählt werden. Dass es traumatisierte und unglückliche Menschen gibt, steht außer Frage, aber das sind Geschichten, die ohnehin tagtäglich über den afrikanischen Kontinent erzählt werden und leider die Wahrnehmung Afrikas beherrschen. Ich möchte einfach mehr die andere Seite beleuchten, aber dennoch sollte ich wohl die eine Seite nicht völlig außer Acht lassen und einen kritischen Blick beibehalten.
      Ich danke dir auf jeden Fall für deine liebe und ehrliche Kritik.
      Sophie

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  • April 15, 2016 at 6:51 am
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    Moin,

    ich bin gerade über einen Facebookpost auf deinen Blog gekommen und da ich selbst seit 2010 in TZ lebe (allerdings auf der anderen Landesseite, Dar reichen mir die Arbeitsreisen, die ich dort regelmäßig habe), hab ich mal ein paar deiner Artikel gerade gelesen.
    Grundsätzlich gefällt mir deine Lebenseinstellung und ich finde auch die Ziele deines Blogs gut und viele Artikel auch mit tatsächlichen Mehrwert (zB die Tipps zu Dar beleuchten zu großen Teilen tatsächlich eine Seite der Stadt, über die man sonst wenig erfährt).

    Bei dem Post hier fiel mir aber auch deutlich der Kritikpunkt von Jane auf. Ich glaube, du nimmst die Zufriedenheit mit wenig sehr aus einer (auch von mir nicht böse gemeint) romantisierenden europäisch-deutschen Sicht war. Das spiegelt sich auch etwas in dem dritten Punkt, sich selbstständig machen, wider. Abgesehen davon, dass es auch in TZ extrem viele feste Angestellte gibt (dazu unten mehr), ist der Grund, warum hier vielleicht mehr Menschen ein eigenes Business ausprobieren, schlicht die Armut. In einer Stadt wie Dar kommt man mit 150.000 TZS im Monat nicht wirklich weit. Wenn dann noch eine Familie zu versorgen ist, bleibt oft nichts anderes übrig als Risiken einzugehen.
    Was ich auch etwas in deinen Berichten vermisse, ist eine Reflexion der Erfahrungen mit den Menschen, die du triffst, vor dem Hintergrund deiner eigenen Sozialisierung in Tansania. Was für Menschen triffst du – und warum? Über Tinder, Clubs, Uni, Kunstveranstaltungen etc triffst du natürlich nur bestimmte Schichten der Gesellschaft. Was ja auch völlig ok ist, aber eben nur einen sehr kleinen Teil des Lebens auch in Dar ausmacht. Du kannst dabei gar nicht den Anspruch haben, alle Lebensbereiche kennen zu lernen. Ich glaube es wäre nur gut, wenn du hin und wieder auch deutlich machst, in welchen Schichten du dich bewegst und wer daher deine Erfahrungen prägt.
    Noch eine Ergänzung zu Janes Kommentar: Du selbst bist als Deutsche nach wie vor privilegiert und hast Absicherungen in Deutschland (und sei es nur Hartz IV als schlimmstes Übel), kannst dich in TZ frei bewegen und bist immerhin mit 10.000 Euro nach Tansania und hast dort als junge weiße, selbstbewusste Frau gute Kontaktmöglichkeiten . Daher ist für dich ein gewisses in-den-Tag-leben Freiheit und Leichtigkeit – für die meisten Tansanier aber bittere, alternativlose Wahrheit und eher eine Gefangenschaft.

    Zu guter letzt was mir noch durch den Kopf ging und ich auf deinem Blog nicht gefunden habe – in deiner Antwort auf Stelas Kommentar ging es um weniger Aufwand, Hürden und Bürokratie in Tansania. Das stimmt nur zum Teil, hast du eine Arbeitserlaubnis für deine Tätigkeit oder wie ist dein Aufenthalt geregelt? Denn die erstmal zu bekommen ist ein erheblicher Aufwand und für deine Tätigkeit auch mit hohen Kosten verbunden- eigentlich wären da schnell 50% deines Startkapitals schnell weg gewesen.
    Versteh mich nicht falsch – mir persönlich ist das Schnuppe, ob du nur semi-legal im Land bist. Ich finde ohnehin sowohl in Deutschland als auch Tansania solche Hürden falsch. Aber wenn du es voll legal und ‚richtig‘ machst, ist die Selbstständigkeit als Ausländer in Tansania nicht so simpel.

    Wahrscheinlich klingt mein Kommentar jetzt um einiges böser als er gemeint ist, da ich ja doch einige Punkte angesprochen habe. Aber ich unterstelle mal, dass du für gewöhnlich viel Lob und Anerkennung für deinen Lebenswandel erhalten hast und erhälst und deshalb auch etwas kritischere Töne an deinem Blog verschmerzt. :)

    Viele Grüße
    Bastian

    Reply
    • April 15, 2016 at 9:25 am
      Permalink

      Hallo Bastian,
      Auch dir danke ich für deinen Kommentar und deine Kritik! Du hast, wie Jane, absolut Recht, was die Einseitigkeit meiner Beschreibung angeht. Wie ich schon weiter oben geschrieben habe, geht es mir einfach darum, andere Bilder von tansania zu vermitteln, als die die ohnehin schon jeden Tag vermittelt werden. Trotzdem sollte ich bestimmte Dinge aber nicht einfach in meinen Artikeln ignorieren und ich werde mich bemühen mich künftig mehr mit beiden Seiten auseinanderzusetzen.
      Auch deine Anmerkung zur Sozialisierung finde ich richtig gut. Du hast vollkommen Recht. Letztendlich bewegt man sich immer rein wenig in seiner eigenen Welt. Ich bin unglaublich dankbar, dass ich mich immer in vielen verschiedenen Welten aufhalten konnte. Trotzdem kann man natürlich nicht ALLE Lebensbereiche kennen (die kenne ich ja in meinem eigenen Land auch nicht) und es ist hilfreich, die Geschichten besser in den Kontext zu setzen. Die Menschen, die mich zu diesem Artikel inspiriert haben, kommen übrigens aus den verschiedensten Schichten und ich finde andersherum deine Aussage etwas verallgemeinernd, dass für die meisten Menschen die Armut der Grund für den Aufbau eines eigenes Businesses ist. Ja, es stimmt, dass es nicht genügend Arbeitsplätze gibt, und es oft der einzige Weg ist. Viele Leute in meinem Umfeld (ob Unter- oder Mittelschicht) sind aber begeisterte Unternehmer_innen und haben einfach eine Leidenschaft dafür, sich etwas eigenes aufzubauen und weiterzukommen.
      Und deine Frage zur der Arbeitserlaubnis ist berechtigt. Ich wollte dazu noch einen Artikel schreiben, aber ich habe seit längerem nicht die Zeit gehabt, den Blog zu aktualisieren. Ich habe seit kurzem eine Erlaubnis für ein Jahr, und ja, es ist definitiv nicht einfach und extrem kostspielig. Wie du schon sagst, wenn man es offiziell und richtig machen will, ist es ziemlich kompliziert.
      Danke dir nochmal für deinen Kommentar,
      Sophie

      Reply
  • April 16, 2016 at 5:26 am
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    Moin Sophie,

    freut mich, dass du so offen mit Kritik umgehst.
    Ich finde den Ansatz deines Blogs auch gut und wie gesagt, was bei Blogs ja wirklich keine Selbstverständlichkeit ist, relevant.
    Nochmal kurz zu dem Punkt eigenes Business: Ich finde nicht, dass ich da verallgemeinere. Ich schreibe bewusst die meisten und glaube auch, dass das der Realität entspricht. Die meisten bedeutet natürlich längst nicht alle, aber allein dass die meisten Tansanier außerhalb großer Städte leben und Subsistenzwirtschaft betreiben, spielt da schon mit rein. Es geht ja auch nicht nur um Arbeitslose, sondern besonders auch um jene, deren Lohn einfach nicht reicht. Dabei müssen Spaß am eigenen Unternehmen und wirtschaftliche Not sich ja auch nicht ausschließen. Natürlich gibt es auch ‚reichere‘ Tansanier, die wirklich aus freier Wahl den Schritt zur Selbstständigkeit wagen. Aber dass es so viele auch als Zweitjob tun (wie du ja schon richtig erwähnt hast), liegt an den geringen Gehältern. Wie gesagt – 150.000 TZS reichen um zu überleben (auch in Dar), aber wenn eine Familie dazukommt wird es schwer. Und auch hier lehne ich mich nicht aus dem Fenster, wenn ich sage, dass die meisten Tansanier weniger als das trotz Job verdienen. Wie erwähnt – ich sage ganz bewusst die meisten derer, die sich selbst etwas aufbauen; nicht viele, aber auch nicht alle.
    Dass unter Staatsbeamten es so große Korruptionsprobleme gibt, ist ja auch ähnlich begründet.
    Ich finde es aber dennoch gut, dass du eben andere Seiten Dars (und deines Lieblingsortes Bagamoyos ;) ) beleuchtest. Du hast ja völlig recht damit, dass über Armut, Korruption, Kriminalität usw wahrlich genug berichtet wird und über Kunst, Freizeit, Menschen in aufstrebenden (selbstständigen) Business etc sehr wenig. Nur damit ich nicht falsch rüber komme, mir geht es gar nicht darum, jetzt plötzlich bei dir Beiträge über solche Themen zu lesen. Nur das, was du selbst in deinem Kommentar schon sagtest und der Rest kam aus der Diskussion heraus.

    Viele Grüße
    Bastian

    Reply
    • April 16, 2016 at 7:05 am
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      Hey Bastian,

      ich danke dir für den freundlichen und konstruktiven Austausch :)

      Ganz liebe Grüße
      Sophie

      Reply

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